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Die Glashütte Gernheim in Petershagen 2017


In Petershagen-Ovenstädt, nicht weit entfernt von Minden in NRW, steht die "Glashütte Gernheim". Hier an der Weser, wo einst die Kunst des Glasmachens zu Hause war und viele Mundblashütten standen, ist sie heute einer der wenigen Orte, an denen wieder Glas hergestellt wird. Wenn auch nur für Touristen.


Als der Bremer Kaufmann Johann Friedrich Christoph Schrader im Juni 1811 in Petershagen Ovenstädt von seinem Weserschiff an Land ging, soll er sogleich so viel Gefallen an diesem Ort gefunden haben, dass er spontan ausrief "Hier bin ich gern heim". Und so dauerte es gerade mal ein Jahr, bis er und sein ebenfalls aus Bremen stammender Geschäftspartner Cornelius Lampe an dieser Stelle die Glashütte "Gernheim" errichtet hatten.

Die Lage an der Weser war damals gleich doppelt attraktiv. Zum einen konnte darüber das für das Glasblasen benötigte Rohmaterial angeliefert werden. Zum anderen wurden auf dem Fluss die fertigen Produkte in das nahegelegene Bremen verschifft. Von dort aus gelangten die Waren dann nach ganz Deutschland, nach Europa und auch darüber hinaus bis nach Nord- und Südamerika sowie Indien.


Die Weser unweit der Glashütte

-> Die Weser bei Petershagen-Ovenstädt.
Das hier einst ein wichtiger Hafen war, ist heute nicht mehr zu erkennen.



Als am 1. Oktober 1812 die erste Flasche geblasen wurde, standen hier zunächst zwei Schmelzöfen. Erst 1826 kam ein Glashüttenturm als dritter Schmelzofen hinzu. Hier konnten gleich 40 Glasbläser je Ofen arbeiten, wodurch die Produktion deutlich ausgeweitet werden konnte. Vorbild waren dabei die englischen Glasbläsereien, die der Hüttengründer Fritz Schrader auf seinen Geschäftsreisen besucht hatte.


Glashüttenturm der Glashütte Gernheim

-> Der alte Glashüttenturm ist das Prunkstück der Ausstellung.


Beim Glasblasen waren die Glasmacher abhängig von der Glasmasse. Deren Schmelzzeiten ließen sich aber nicht im Voraus berechnen. Damit die Arbeiter es nicht weit hatten und dem Betrieb somit jederzeit und auch kurzfristig zur Verfügung standen, wurden in unmittelbarer Nähe des Glashüttenturmes Arbeiterhäuser errichtet. Zu diesen zwar kleinen, aber solide gebauten Wohnungen gehörte jeweils ein Stall und ein Stück Land. Außerdem gab es in jeder Wohnung ein sogenanntes „Dunkelzimmer“, also ein Schlafzimmer ohne Fenster. Hier konnten die Glasmacher nach einer Nachtschicht auch tagsüber schlafen. Neben einem weiteren Schlafraum und einer Küche gab es auch noch die „gute Stube“, die allerdings nur zu ganz besonderen Anlässen betreten wurde.


Arbeiterhäuser in der Glashütte Gernheim

-> Eine Gasse mit Arbeiterhäusern.


Wohnraum in einem Arbeiterhaus

-> Die gute Stube.


Neben den Schmiedeöfen und den Wohnhäusern für die Arbeiter entstanden noch zahlreiche weitere Gebäude. So gab es eine Korbflechterei, in der auch ein Schulraum eingerichtet war, eine Verwaltung, ein Lagerhaus, ein Wirtshaus mit Laden und einiges mehr. Es entstand ein richtiges Fabrikdorf. Durchschnittlich fast 200 Mitarbeiter waren hier beschäftigt, hinzu kamen noch deren Familienangehörige und Kinder, für die hier Arbeit und Platz geboten wurde.

Die Glasmacher wurden auch aus entfernten Regionen angeworben, zum Beispiel aus Böhmen oder Sachsen. Der Ruf der Glashütte Gernheim, eine vorbildliche Manufaktur zu sein, half bei der Suche nach diesen Fachkräften. Aber der Beruf hatte auch seine Schattenseiten: Tag- und Nachtschichten zu je 12 Stunden waren normal. Und durch die starke Belastung mit Staub, Rauch und Hitze war die Lebenserwartung recht gering. Außerdem war die Kinderarbeit an der Tagesordnung: Bereits mit zehn Jahren begannen die Söhne der Glasbläser ihre Arbeit mit Hilfsarbeiten am Schmelzofen.


Korbflechterei und Schulgebäude in der Glashütte Gernheim

-> Korbflechterei und gleichzeitig Schulgebäude.


Klassenzimmer in der Glashütte Gernheim

-> Klassenzimmer.


Lohnbüro der Glashütte Gernheim

-> Hier gab es das Geld.


Auch ein Wohnhaus für die Fabrikantenfamilie entstand hier, in dem Hüttengründer Fritz Schrader mit seiner Familie und den Bediensteten wohnte. An dem sehr großen Haus schloss sich ein ebenso großer Garten an, in dem neben Blumen, Obst und Gemüse auch ein Goldfischteich und sogar ein kleiner Weinberg Platz fanden.

Heute ist der Garten ein reiner Ziergarten. Und bei einem Rundgang durch das Haus sind in dem Räumen alte Tapeten zu entdecken und auch ein wenig Mobiliar. Aber das Gebäude selbst ist schon imposant, wenn man bedenkt, dass es das Heim nur für eine Familie war und sich zum Vergleich die kleinen Wohnungen der Arbeiter ansieht.


Wohnhaus der Fabrikantenfamilie in der Glashütte Gernheim

-> Wohnhaus für die Fabrikantenfamilie.


Hauptanziehungspunkt der "Glashütte Gernheim" ist heute aber der Glashüttenturm. Hier wird von Glasbläsern für die Museumsbesucher wieder Glas geblasen. Mich faszinieren hier vor allem das viele Zubehör und die Hilfsmittel, die benötigt werden, um Glas in all seinen Formen und Farben herzustellen.


Arbeitsplatz eines Glasbläser in der Glashütte Gernheim

-> Arbeitsplatz für die Glasbläser.


Zubehör zum Glasblasen

-> Zubehör zum Glasblasen.


Zubehör zum Glasblasen

-> Zubehör zum Glasblasen.


Direkt neben dem Glashüttenturm befindet sich das Lagerhaus. Hier werden sowohl die Materialien als auch das Zubehör wie z.B. Holzformen für die Glasproduktion gelagert.


Lagerhaus in der Glashütte Gernheim

-> Blick in das Lagerhaus.


Lagerhaus in der Glashütte Gernheim

-> Auch die Holzformen für die Glasproduktion wurden hier gelagert.


Wer möchte, kann hier auch eigene Gläser in Auftrag gegeben und diese dann sogar in der nebenanliegenden Glasschleiferei veredeln lassen. Man kann aber auch am Eingang, wo die Eintrittskarten gekauft werden, Glas kaufen. Und dazu noch jede Menge Literatur rund um die Glashütte Gernheim und das Glas im Allgemeinen.


Verschiedene Glaswaren

-> Eine Auswahl der Glaswaren, die hier gefertigt werden.


Glasschale

-> Eine Schale aus hiesiger Produktion.


Die Gründerkrise, also der Einbruch der Finanzmärkte im Jahre 1873, hinterließ auch im beschaulichen Petershagen seine Spuren. Gemeinsam mit dem fehlenden Bahnanschluss, durch den „Gernheim“ gegenüber seinen Mitbewerbern nicht mehr Konkurrenzfähig war, führte sie dazu, dass die Glasproduktion 1877 eingestellt werden musste. 1892 wurde sie noch einmal aufgenommen, aber dieses kurze Lebenszeichen währte nur knapp ein Jahr.

Anschließend waren in einem Teil der Gebäude zeitweise Zulieferer für andere Glashütten untergebracht. Der größte Teil der Anlage zerfiel in den nächsten Jahren, brannte ab oder wurde von der Bevölkerung als Steinbruch genutzt.


1983 schließlich übernahm der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) die Anlage, renovierte und restaurierte sie und konnte sie im Jahre 1998 als „LWL-Industriemuseum - Glashütte Gernheim“ eröffnen.

Hier findet Du die Internetseite des LWL:
-> Webseite des LWL

An der Kasse erhalten Besucher einen Geländeplan der Anlage. Wer möchte, kann sich den Plan hier ansehen:
-> Geländeplan der Glashütte



















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