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2017: Worpswede - vom Teufelsmoor zum Künstlerdorf


Dienstag

Das Frühstück war gut, das Wetter ist es auch (naja, zumindest ist es trocken) und so schlendere ich gut gelaunt über die Bergstraße. Das ist sozusagen die Flaniermeile hier in Worpswede, an der sich die meisten Geschäfte, Galerien und Cafés bzw. Restaurants befinden. Wenn ich mir die Öffnungszeiten hier so ansehe, scheint es den Inhabern gar nicht so schlecht zu gehen. Die meisten der Galerien und Geschäfte öffnen erst um 11:00 Uhr und schließen bereits um 18:00 Uhr. Was für ein Gegensatz zu den Öffnungszeiten bei uns, die teilweise von 6:00 bis 22:00 Uhr dauern.

Es ist recht früh, die Geschäfte sind noch geschlossen, daher spaziere ich weiter bis nach „Alt-Worpswede“. Dies ist der ehemalige Stadtkern des Ortes, der sich um mehrere große Höfe gebildet hat. Heute werden diese Höfe zumeist nicht mehr bewirtschaftet und für andere Dinge genutzt. Zum Beispiel als Rathaus. Und direkt hier findet heute anscheinend ein Fotokursus statt. Auffallend viele Menschen laufen mit Kameras herum, an denen wahre Ungetüme von Objektiven hängen. Und machen dabei Fotos, was die Speicherkarte hergibt. Na, da schließe ich mich doch an und knipse auch mal das Rathausgebäude und vor allem den wirklich schönen Bauerngarten davor.


Rathaus Worpswede
-> Rathaus in Alt-Worpswede


Rathaus Worpswede
-> Bauerngarten am Worpsweder Rathaus


Da ich Morgen im Rahmen einer Stadtführung ganz bestimmt noch einmal hierherkommen werde, gehe ich jetzt durch die Bergstraße zurück zum Hotel. Unterwegs gönne ich mir ein Eis auf die Hand. Vom Hotel aus fahre ich anschließend mit dem Auto nach „Neu-Helgoland“. Auf diesem kleinen Gebiet am Rande von Worpswede, direkt an dem Flüsschen „Hamme“ gelegen, befinden sich ein Campingplatz, ein Restaurant und der Hammehafen Worpswede, in dem die Adolphsdorfer Torfschiffer Zuhause sind. Bei aller (verständlichen) Begeisterung für die Kunst wird leicht vergessen, dass Worpswede bis zur „Eroberung“ durch die Künstler (und auch noch einige Jahre danach) ein Moorgebiet war, in dem die Menschen mit dem Stechen und dem Verkauf von Torf ihr mehr als karges Auskommen hatten. Ab ca. 1752 bis in die 1920er Jahre wurde der gestochene Torf auf dem Wasserweg, also auf dem Flüsschen Hamme, nach Bremen gebracht und dort verkauft. Dafür wurden die „Torfkähne“ genutzt. Die Adolphsdorfer Torfschiffer haben Mitte der 1980er Jahre damit begonnen, an diese alte Tradition zu erinnern. Im Jahre 1984 wurde der erste Originalnachbau eines solchen Torfkahns ins Wasser gesetzt und die ersten Fahrten damit gemacht. Mit dem Bau weiterer Schiffe entwickelte sich diese Tour nach und nach immer stärker als Touristenmagnet und auch ich habe heute eine Fahrt mit so einem Kahn gebucht. Am frühen Nachmittag soll es losgehen. Bis dahin habe ich aber noch etwas Zeit und sehe ich mich solange auf dem Gelände ein wenig um. Recht idyllisch ist es hier, der kleine Spaziergang macht mir richtig Spaß.


Neu-Helgoland
-> Die kleine Bucht mit Sandstrand bei "Neu-Helgoland"


Neu-Helgoland
-> Blick auf die Hamme


Neu-Helgoland
-> Der neun Meter hohe Aussichtsturm Neu-Helgoland


Neu-Helgoland
-> Auch hier gibt es Kunst zu sehen


Ein wenig habe ich nach meinem kleinen Rundgang noch Zeit, daher setze ich mich in den Außenbereich des kleinen Imbiss des Campingplatzes und bestelle mir Tee und Kuchen. Dabei lese ich, dass man die hiesige Gaststätte, die heutige „Hamme Hütte“, ursprünglich „Neu-Kamerun“ nannte. Als 1890 Sansibar mit den Engländern gegen die Insel Helgoland getauscht wurde, haben die Kaisertreuen Bürger sogleich den Namen der Gaststätte angepasst.

Ich habe keine Ahnung, wie hoch der Wahrheitsgehalt dieser Geschichte ist. Im Vorfeld der Tour habe ich nämlich auch gelesen, dass die Gaststätte vom Weyerberg aus gesehen bei Hochwasser wie der Helgoländer Felsen aus den Niederungen herausragen soll. Aber letztendlich ist es mir egal, woher der Name kommt. Mir ist in erster Linie wichtig, dass es mir hier gefällt.


Mit dem Torfkahn auf der Hamme

Bei meiner Forschung nach dem Namensursprung habe ich ein wenig die Zeit vergessen und muss mich jetzt beeilen, um pünktlich zur Abfahrt des Torfkahns in dem kleinen Hammehafen zu sein. Dort angekommen, bin ich doch sehr überrascht: Sechs Boote liegen hier und alle sind bereits gut gefüllt mit Touristen. Ich werde einem der Kähne zugewiesen und ein wenig übermotiviert springe ich von Land auf das kleine Boot, was ein heftiges schlingern und schaukeln zur Folge hat. So heftig, dass einige meiner Mitfahrerinnen ängstlich aufschreien und alle mich erschrocken ansehen.
„Nicht so stürmisch, junger Mann“ ruft Jochen, unserer Bootsführer vom Steg aus und schwingt sich dann wesentlich eleganter an Bord als ich. Ein wenig verlegen setze ich mich auf die schmale Sitzbank. Während Jochen eine kurze Sicherheitseinweisung gibt, schaue ich mich um. Circa zehn Meter lang ist das Boot, dabei wohl knapp zwei Meter breit. Mit mir sind wir 18 Gäste auf dem Kahn, plus Bootsführer Jochen. Viel mehr Platz ist hier auch nicht. Wir Touristen sitzen uns in zwei Reihen gegenüber, zwischen uns, auf dem Boden, liegt der Mast.

Auf einem Torfkahn in Worpswede
-> Es ist eng auf dem Kahn


Jochen hat mittlerweile seine Einführung beendet und wir legen ab. Aus dem Hafen hinaus fahren wir auf die Hamme. Angetrieben werden die Boote heute durch Elektromotoren. Die Torfkähne haben zwar ein Segel, das wir später auch noch hissen werden. Aber der Wind ist zu schwach, um ohne Motorunterstützung wirklich von der Stelle zu kommen. Früher, so erklärt uns Jochen, mussten die Torfstecher die Boote „staken“. Dabei wird eine mehrere Meter lange Stange immer wieder in den Grund des Flusses gedrückt und sich dann „abgestoßen“. Dieses aufwendige und kraftraubende Verfahren war Alltag für die Bootsführer, da der Wind selten ausreichte, um bis nach Bremen und wieder zurück zukommen. Da haben wir es heute zum Glück viel einfacher.

Während wir auf der Hamme dahingleiten, erzählt uns Jochen Geschichten aus der alten Zeit und erklärt, was wir rechts und links des Flusses alles so sehen können. Er macht das sehr routiniert, man merkt, dass dies nicht seine erste Tour mit Touristen ist.


Bootsfahrt auf der Hamme
-> Blick vom Boot an Land


Bootsfahrt auf der Hamme
-> Blick vom Boot an Land


Nach ungefähr einer halben Stunde stellt Jochen den sechs Meter langen Mast auf und hisst das Segel. „Luggersegel“ wird das genannt und ist zwölf m² groß. Wir haben zwar kaum Wind und das Segel ist eigentlich nur „Show“, aber es ist ein schöner Anblick. Wir segeln momentan mit drei Booten nahe beieinander und das sieht wirklich sehr gut aus. Ich kann mir vorstellen, welch ein prachtvolles Bild es sein muss, wenn alle drei Jahre zu Saisonbeginn die „Torfkahn-Armada“ stattfindet. Dann treffen sich an einem Samstagmorgen fast alle Boote und fahren gleichzeitig auf der Hamme. Mittlerweile gibt es fast zwanzig dieser Torfkähne. Wirklich eine 1A Touristenattraktion.


Bootsfahrt auf der Hamme
-> Mit gehissten Segeln auf der Hamme


Bootsfahrt auf der Hamme
-> Unser Bootsführer Jochen hat alles im Griff :o)


Neunzig Minuten dauert unsere Fahrt, die im Nu vergeht. Auch dank unseres Bootsführers Jochen, der einige kurzweilige Anekdoten zu erzählen weiß. Zurück im Hafen warten schon die nächsten Touristen darauf, dass sie auf die Boot dürfen. Mittlerweile hat es sich bewölkt und die Wolken sehen so aus, als wollten sie gleich ihr Wasser vergießen. Daher bin ich nicht böse darum, die Fahrt bereits hinter mir zu haben.

In den Sommermonaten kann diese Schiffstour übrigens noch mit einer Fahrt mit dem Moorexpress kombiniert werden, allerdings nur an den Wochenenden. Der Moorexpress ist ein Zug, der zwischen Bremen und Stade verkehrt und dabei auch in Worpswede Halt macht. Ich nehme mir vor, einen nächsten Besuch hier in Worpswede auf das Wochenende zu legen und diese Fahrt dann nachzuholen.

Statt mit dem Zug fahre ich mit meinem Auto zurück Richtung Dorf. Dabei komme ich auch an der Worpsweder Windmühle vorbei. Ursprünglich war es eine Bockwindmühle, die aber im Jahre 1838 durch einen Erd- und Wallholländer ersetzt wurde. Sie ist heute noch voll funktionstüchtig und wird seit 1985 von dem Verein „Freunde Worpswedes e. V“ betrieben. Ich habe die Mühle bereits auf einigen Bildern der Worpsweder Künstler gesehen. Aber ich finde, auch als Fotomotiv macht sie sich recht gut ;-)


Windmühle Worpswede
-> Die Windmühle von Worpswede


Von der Mühle aus mache ich noch einen Abstecher zum Bahnhof. Als die Eisenbahn im Jahre 1910 nach Worpswede kam, setzten sich die Worpsweder Künstler für eine landschaftsgerechten Gestaltung der Bahnhöfe ein. Daher erhielt der zu der Zeit schon recht renommierte Worpsweder Künstler Heinrich Vogeler (der mit dem Barkenhoff) den Auftrag zur Erstellung des Bahnhofsgebäudes. Der entwarf sowohl das Gebäude als auch die Innenausstattung. Heute beherbergt das Gebäude ein Restaurant, das heute leider noch geschlossen ist. Daher kann ich mir den Bahnhof nur von außen ansehen. Schade, denn es sollen auch noch einige der von Vogeler entworfenen Originalmöbel vorhanden sein.


Bahnhof Worpswede
-> Der Bahnhof von Worpswede


Bahnhof Worpswede
-> Der Bahnhof von Worpswede


Ich fahre zurück zum Hotel, stelle das Auto ab und gehe dann zu Fuß wieder zur Bergstraße. Dort suche ich mir ein Lokal, in dem ich Abend zu esse und meinen zweiten Tag in Worpswede ausklingen lasse.




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